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Erfahrungsbericht 1
 
Jungen flüstern

Schulanfang für unser Kind

Mädchen, 28. SSW, Hessen, Grundschule, Integration, leichte spastische Halbseitenlähmung


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Wer hat an der Uhr gedreht, dachten wir, als unsere Tochter mit fünf Jahren (in einigen hessischen Gemeinden ist das so) vor dem Eintritt in die Schule stand. Gerade hatten wir uns ein bisschen zurückgelehnt und die Kindergartenzeit mit einem Integrationsplatz genossen und nun sollte es schon wieder weitergehen?!?!?

 

Zur Vorgeschichte:

Unsere Tochter kam in der 28. SSW mit 1.037 Gramm auf die Welt. Sie hat sich prächtig entwickelt, hat aber dennoch eine leichte spastische Halbseitenlähmung, die sie immer begleiten wird. Damit ist das Problem eigentlich schon beschrieben: Bea passt in "keine Schublade", d.h. keiner konnte uns sagen, welche Schulform für sie passend sei.

 

Suche nach der geeigneten Schule

Bevor die sonderpädagogische Überprüfung und die Schularzttermine stattfanden, machten wir uns zunächst selbst auf die Suche. Und da gingen so einige Abende drauf: Walldorf, Montessori, die hiesige Grundschule, Körperbehinderten-Schule usf. Ich setzte mich also anfangs frohgemut in die Runden und hörte mir das Ganze mal an: Besorgte Fragen von Eltern, die schon jetzt die Karrieren ihrer Grundschulkinder planen wollen; Konzeptdarstellungen von Lehrerinnen, die sich immer ganz gut in der Theorie anhörten; Zahlen und Fakten der jeweiligen Schule. Soweit, so gut.

 

Wenn ich fragte, ob denn integrative Beschulung generell möglich sei, wurden die Lehrkörper meistens schon sehr vorsichtig. Das Interesse daran, sich diesen Verwaltungs- und Organisationswust mitsamt einem Kind mit Mehraufwand ins Haus zu holen, hielt sich m. E. nach in Grenzen. Den negativen Höhepunkt erlebte ich leider in der hiesigen anthroposophischen Einrichtung, die mir auf die Nachfrage nach Integration sagten: "Wir wollen hier keine Behinderten, wir wollen einen besseren Abi-Schnitt!" Ich bin selten sprachlos, aber an diesem Abend bin ich weinend nachhause gefahren.

 

Unsere Neurologin sprach sich dann sowieso gegen eine alternative Beschulung aus: "Kenne ich nicht, aber lehne ich trotzdem ab – ihr Kind braucht mehr Struktur, als zuwenig, also ja nichts Alternatives/Antiautoritäres!". Das war wenigsten mal eine verbindliche Meinung, die wir hörten. Der "normale" Schultest ergab also die Schulfähigkeit mit Überprüfung eines sonderpädagogischen Status. D.h. es sollte überprüft werden, ob Bea sonderbeschult werden soll oder nicht. Wir waren damit einverstanden, denn unser Ziel war und ist noch immer: Der beste Platz soll gesucht werden, damit unsere Tochter glücklich ist und gut lernen kann. Das Ergebnis der Untersuchung war: Bea ist fit mit körperlichen und wahrnehmungstechnischen Einschränkungen – die Empfehlung lautete:
Mit Grundschule und Integration versuchen, wenn nicht, dann Wechsel auf die Körperbehindertenschule.

 

So haben wir es dann auch gemacht.

 

Grundschule

Bea ist jetzt ein Jahr in der Eingangsstufe unserer Grundschule im Ort und es klappt ganz gut. Natürlich sind wir als Eltern gefordert, die Kommunikation ist super wichtig. Es fehlt manchmal an ganz einfachen Dingen: Wieso wird in jeder Sportstunde Fangen gespielt? Wer immer nach fünf Sekunden gefangen wird und selbst keinen Klassenkameraden erwischen kann, verliert sehr schnell die Lust am Sport. Das musste dann mit der Lehrerin besprochen werden, weil sie das einfach nicht "gemerkt" hat, nur, dass Bea immer so oft auf die Bank wollte und nicht mehr mitmachte. Oder die Pausensituation, in der alle Freundinnen schon längst im Schulhof sind und sich Spielpartner suchen, meine Tochter aber noch mit dem "verflixten" rechten Schuh kämpft, der nicht an den Fuß "will".

 

Hat man hier keine einfühlsame Pausenaufsicht, ist die Pause für unser Kind gelaufen, ehe sie richtig angefangen hat. Ich könnte hier noch 100 Beispiele für solche alltäglichen Schulproblemchen geben, es ist so, als müssten wir, durchaus gemeinsam mit der engagierten Klassenlehrerin, jeden Tag das Rad neu erfinden. Es gibt einfach keine Erfahrung im gesamten Lehrkörper und manche Lehrkräfte haben erst nach einem halben Jahr die Akten von Bea eingesehen. Kommentar von der Mathelehrerin: "Ach, Dyskalkulie kann mit einer frühen Geburt zusammenhängen? Das ist mir ja ganz neu, das habe ich zuvor noch nie gehört. Können Sie mich da mal informieren?"  

 

Aber es gibt auch viele Lichtblicke: Bea hat viele liebe Schulfreunde, sie liebt "ihre" Klassenlehrerin, sie macht gerne Bewegungspausen mit Yoga-Übungen, sie lernt gerne neue Lieder und die Buchstaben und die Zahlen….

 

Bea geht also gerne in der Schule, dennoch ist sie oft traurig, weil sie hier merkt, dass sie anders ist als die anderen. Sie möchte auch so schnell sein, rennen können u.u.u. Dass jeder "anders" ist und viele in irgendeiner Art eingeschränkt oder einfach auch nicht so leistungsfähig sind, kann sie mit ihren sechs Jahren noch nicht verstehen. Wir bleiben also dran und schauen Woche für Woche, ob sie glücklich ist. Es ist schon bei uns oft so, dass wir uns ständig Sorgen machen, dauernd Dinge hinterfragen und die Schule nie einfach mal "nur laufen lassen". Es fällt uns auch schwer, den Blick für das "Normale" zu behalten, weil man das Normale nicht kennt oder erkennt und dass man deshalb nachts oft nicht schlafen kann.

 

Wenn Bea dem Druck, sei es intellektuell oder sozial, nicht standhalten könnte, würden wir uns umentscheiden und eine sonderpädagogische Beschulung in Betracht ziehen. Das Wichtigste für uns bleibt, dass sie ein glücklicher und selbstbewusster Mensch ist/wird, und dann erst kommt die Bildung!

Fazit:

Es gibt wahrscheinlich sehr oft nicht "die" optimale Lösung für die Schulwahl eines frühgeborenen Kindes, welches vielfach mehr Aufmerksamkeit braucht. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es sehr viele willige Lehrer/Erzieher gibt, die aber im Alltag dann doch ab und zu scheitern, sei´s aus Mangel an Erfahrung oder schlicht wegen der Strukturen der Einrichtung. Man darf sich nicht zu schade sein, immer wieder für sein Kind einzustehen – quasi als Experte, was das eigene Kind angeht. Dabei versuchen wir auch immer, die andere Seite zu sehen, z.B. die Mathlehrerin, die noch andere 25 Kinder zu umsorgen hat. Mit viel Ausdauer und mit Zuneigung für das Kind auf beiden Seiten gelingt uns das oft, natürlich nicht immer!

 

Wir wünschen anderen Familien viel Erfolg und Geduld bei der Schulwahl!

 

Familie T. aus M., Hessen

31.10.2010


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