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Erfahrungsbericht 2
 
Jungen flüstern

Eine Erfolgsstory mit vielen Stolpersteinen

Junge, 25. SSW, Niedersachsen, Realschule, Integration, Halbseitenlähmung, Epilepsie


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Füller
Vorgeschichte

Es war noch ein wunderschönes Weihnachtsfest 1995, doch kurz darauf nach einer Routineuntersuchung bei der Frauenärztin überschlugen sich die Ereignisse. Sie stellte eine drohende Frühgeburt fest, verordnete strenges Liegen, doch das half alles nicht mehr viel: Ende Januar kam Joel in der 25. SSV mit 900 g zur Welt. Am 2. Tag erlitt er dann die starken Hirnblutungen III. – IV. Grads, mit deren Folgen wahrscheinlich sein Leben lang kämpfen werden muss.

 

In den ersten Jahren versuchten wir, die schlechten Prognosen der Ärzte zu ignorieren und in der Tat entwickelte sich Joel viel besser als prognostiziert. Er lernte Sprechen und Laufen, wenn auch eine deutliche Halbseitenlähmung vor allen Dingen des linken Armes sichtbar wurde. Er war ein sehr fröhliches Kind, hatte jedoch starke Ängste vor lauten Geräuschen wie lautes Lachen oder gar Schreien und deshalb ganz besonders vor anderen Kindern. Mit 3 Jahren kam er in einen integrierten Ganztagskindergarten, wo er immer wieder Kontakt zu den Erzieherinnen suchte und recht wenig mit den anderen Kindern spielte. Mittlerweile war seine Halbseitenspastik durch ein deutliches Hinken und den nicht eingesetzten linken Arm sowie eine Gangunsicherheit deutlich zu erkennen.

 

Kindergarten und Schulsuche

Als Joel 5 Jahre alt wurde, zogen wir um und Joel besuchte einen wohnortnahen Kindergarten, wo er als Einzelintegrationskind gefördert werden sollte. Leider war die extra eingestellte Heilpädagogin sehr oft krank, sodass die spezielle Förderung weitgehend auf der Strecke blieb. Zudem hatte er in den letzten Jahren eine Epilepsie mit fokalen Anfällen entwickelt, die zwar medikamentös behandelt wurde, aber nicht vollständig in Griff zu kriegen war. Sein Leistungsniveau schwankte daher sehr stark: Es gab daher Tage, wo er geistig richtig pfiffig war, aber auch Tage, wo er völlig neben sich stand, müde und abwesend war. An so einem Tag kam dann der Lehrer von der Sonderschule, der den "sonderpädagogischen Förderbedarf" durch ein zweistündiges Gutachten ermitteln sollte. Mit wenigen Worten zerstörte er unseren über viele Jahre aufgebauten Optimismus. "Sie haben Ihren Sohn total überschätzt. Ich kann nur ausschließen, dass Ihr Sohn eine Schule für geistig behinderte Kinder besuchen muss. Aber er hat eindeutig eine Lernbehinderung und ich werde daher in meinem Gutachten die Schule für Körperbehinderung – Lernzweig Lernbehinderung als einzig geeignete Schulform empfehlen". Das vorherige Gutachten der Amtsschulärztin, die ebenfalls Tests mit Joel gemacht hatte, ihn aber wegen seiner Probleme mit anderen Kindern noch ein Jahr zurückstellen und dann in eine Regelschule schicken wollte, hielt er schlicht für inkompetent. Die habe ja keine Erfahrung mit behinderten Kindern. Das wirkte alles so brutal überzeugend, dass wir uns schweren Herzens für die empfohlene Schulform entschieden.

 

Schule für Körperbehinderte

Ein Jahr besuchte Joel dann die Schule für Körperbehinderte (Zweig Lernbehinderung), wo bei einer Klassenstärke von sieben Kindern zwei nette Lehrerinnen die Kinder betreuten. Seine Ängstlichkeit anderen Kindern gegenüber wurde weniger, zumal sie mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hatten wie er, und nach einem halben Jahr traf er sich zu Hause am Nachmittag mit seinen Mitschülern, was uns sehr freute. Es herrschte eine sehr entspannte Lernatmosphäre mit keinerlei Druck. Nach kurzer Zeit hatten wir durchaus den Eindruck, dass Joel mehr würde leisten können. Joel gab sich nicht viel Mühe und brauchte es auch nicht, da die Lehrerinnen davon ausgingen, dass er vom Sonderpädagogen richtig eingeordnet war und nicht zu besseren Leistungen fähig war. Ihm fehlten eindeutig der Antrieb und das Vorbild durch bessere Schüler. Also strebten wir den Wechsel an die Regelgrundschule als Einzelintegrationskind an. Klingt so einfach, ist es aber nicht. Nach hartem Kampf erklärte sich die Grundschule einverstanden, ihn zunächst auf Probe mit den anderen Kindern zu unterrichten.

 

Foto Einschulung

Einschulung 2003

 

Regelgrundschule mit sonderpädagogischer Betreuung

Da Joel im 1. Jahr nicht viel gelernt hatte, wurde er ein 2. Mal eingeschult, diesmal in die Regelgrundschule mit einer wöchentlichen eintägigen Betreuung von einer Sonderpädagogin von der Körperbehindertenschule. Zunächst lief alles wunderbar. Nach kurzer Zeit erhielten wir einen Brief der Schule, dass die Klassenlehrerin der Ansicht sei, Joel könne "zielgleich" unterrichtet werden. Welch ein großer Schritt!! Auch mit der großen Anzahl von Mitschülern und dem hohen Geräuschpegel kam er einigermaßen klar. Nach meinen Ermunterungen lud er sich auch Freunde nach Hause ein, tat sich aber sehr schwer einen Gegenbesuch zu machen, weil er immer noch den Schutz von Vertrauenspersonen suchte. Wenn er aber erst einmal dort gewesen war und sich sicher fühlte, klappte das aber auch. Unverständlich war aber für uns und die Lehrer weiterhin sein je nach Tagesform extrem unterschiedliches Leistungsvermögen. Einmal hatte er z.B. eine gute Mathearbeit geschrieben, doch einen Tag später bei der gemeinsamen Berichtigung in der Klasse wusste er überhaupt nicht mehr, wie er die Aufgaben am Vortag gerechnet hatte. Man konnte sich nie sicher sein, ob er am Tag der Arbeit dazu in der Lage war, das Gelernte abzurufen. Er und wir waren dann häufig sehr traurig und hilflos darüber, wenn es mal wieder nicht so gut geklappt hatte. Laut Aussage der Lehrer träumte er im Unterricht auch häufig und starrte vor sich hin. Auch direkte Ansprache reichte teilweise nicht, man musste ihn sanft anfassen, um ihn aufzuwecken.

 

Das erste Halbjahr verlief aber trotzdem ohne größere Probleme, doch dann wechselte die Betreuung von der Körperbehindertenschule. Ausgerechnet der Sonderpädagoge, der ihm die "Lernbehinderung" beim Einschulungstest attestiert hatte, wurde sein neuer Betreuungslehrer und der tat alles, um zu belegen, wie unselbstständig Joel sei und sich überall bedienen lasse. Ab dann durfte ihm die Klassenlehrerin nicht mehr beim Herausholen und Bereitstellen der Arbeitsmaterialien helfen, er erhielt auch keine Zusatzzeit für Klassenarbeiten, im Winter stand er mit offener Jacke vor der Tür, da er sie sich noch nicht alleine zumachen konnte. Der Sonderpädagoge schrie ihn während des Unterrichts an, kippte den ganzen Ranzen vor allen anderen Kindern aus, weil Joel wieder einmal nicht sein Geodreieck gefunden hatte. Joel entwickelte richtig Angst vor den Montagen, wo er kam. Die Note für das "Arbeitsverhalten" verschlechterte sich umgehend von 2 auf 4-. Leider ließ sich auch die Klassenlehrerin, die bis dahin noch recht rücksichtsvoll war, davon überzeugen, dass Joel nur zu faul und verwöhnt war, seine Aufgaben selbstständig zu erledigen. Einmal stürzte er morgens im Sportunterricht und wollte gerne nach Hause gehen, weil sein Arm ihn schmerzte. Die Klassenlehrerin meinte, so schlimm sei das ja wohl nicht. Joel biss wie immer die Zähne zusammen, jammerte nicht weiter, fing aber sofort an zu weinen, als er mich nach Schulschluss vor der Schule sah. Die Klassenlehrerin, die das beobachtet hatte, meinte, er sei den ganzen Vormittag gut drauf gewesen und spiele sich jetzt vor mir nur auf. Natürlich bin ich gleich zum Arzt gefahren, weil ich sofort sah, dass der gelähmte Arm so seltsam schlaff herunterhing. Selbstverständlich war er angebrochen und Joel musste 6 Wochen einen Gips tragen – soviel zum Thema Einfühlungsvermögen und Rücksichtnahme. Trotz aller Schwierigkeiten schaffte er nach Abschluss der Grundschule zumindest eine Empfehlung für die Hauptschule, was im Hinblick auf seinen Werdegang ja eine ganz tolle Leistung war.

 

Schulwechsel

Der Direktor der Haupt- und Realschule war Behinderten gegenüber sehr aufgeschlossen und wir fühlten uns zum ersten Mal wirklich erwünscht. Er empfahl uns eine Schulbegleitung zu beantragen, wie es auch ein anderes sehbehindertes Kind in der Klasse hatte. Wir hatten vorher noch nie davon gehört. Die Genehmigung machte keine großen Probleme. Für Joel bedeutete die Schulbegleitung eine unglaubliche Erleichterung. Es half ihm jemand beim Ranzen tragen, Jacke anziehen, Bereitstellen der Materialien, Lineal halten und Vieles mehr.


Wider Erwarten kam Joel auch mit den anderen Kindern (vor allen Dingen mit den Mädchen) sehr gut zurecht. Keiner machte sich über ihn lustig und selbst die schwierigen Schüler der Klasse stellten sich schützend vor ihn. Wer hätte das erwartet?

Foto Realschule

Realschule 2010

 

Realschule

Und dann geschah das absolut Unerwartete: Kurz vor Ende des Halbjahres rief uns die Klassenlehrerin an und meinte, Joel sei in der Hauptschule völlig unterfordert. Sie empfahl uns einen Wechsel in eine Realschulklasse. Wir konnten das gar nicht ganz glauben und haben sicherheitshalber noch das Schuljahr abgewartet und erst im neuen Schuljahr den Schulwechsel vollzogen. Im ersten Jahr musste er Einiges aufholen, aber mit viel Fleiß und meiner Hilfe schaffte er es. Und jetzt ist er tatsächlich in der 8. Klasse der Realschule, lernt zusätzlich mit Freude Französisch und ist inzwischen ein guter Schüler geworden. Er ist erstaunlich selbstsicher geworden und trägt auch gerne vor versammeltem Publikum in der Aula mit anderen Kindern zusammen Theaterstücke o.ä. vor. Der neue Sonderpädagoge kann den Lehrern Joels Probleme wunderbar verständlich machen. Joel hat sich unter Anleitung der Schulbegleiterinnen ein tolles Arbeitsverhalten angeeignet, worin er jetzt stets auf 2 steht. Seine Lehrer motivieren ihn durch Lob und Anerkennung und trösten ihn auch, wenn etwas nicht so klappt, wie er es sich vorgestellt hat. Erstaunlicher Weise sind auch die extremen Leistungsschwankungen auch fast völlig verschwunden. Langsam kann man sich wirklich Gedanken machen, welchen Beruf er später einmal ausüben kann und will …

Wir fragen uns immer wieder, wie es zu einer derartigen Leistungssteigerung kommen konnte. Einen entscheidenden Einfluss scheint seine Epilepsieerkrankung in Kombination mit der Medikamentengabe zu haben. Nach Abschluss der Grundschulzeit haben wir auch die Medikamente auf Keppra umgestellt, wodurch Joel sogleich wesentlich aufmerksamer und leistungsmäßig ausgeglichener wurde. Er ist seitdem anfallsfrei, die Dosis wurde nicht erhöht, sodass er langsam aus ihr herauswächst. Obwohl wir seit seiner Geburt regelmäßig einen Augenarzt aufgesucht haben, hat sich erst vor ein paar Monaten in einer Spezialklinik herausgestellt, dass Joel die ganzen Jahre mit einer Sehbehinderung durch eine Sehnervschädigung mit 30% Sehkraft und einer massiven Gesichtfeldeinschränkung gemeistert hat. Seitdem trägt er eine Bifokalbrille, die ihm vor allem das Lesen von Texten und die Kartenarbeit unheimlich erleichtert. Jedoch bleibt auch mit Brille eine starke Sehbehinderung bestehen. Man fragt sich manchmal, wie er ohne diese Hilfe bei einem derart schlechten Sehvermögen vorher alleine klar gekommen ist. Vielleicht ein Grund, weshalb er den Testbogen des Sonderpädagogen so schlecht bearbeiten konnte?

 

Familie S. aus Niedersachsen

12.11.2010

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