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Erfahrungsbericht 4
 
Jungen flüstern

Welche Schule ist die Richtige?

Junge, 30. SSW, Niedersachsen, Grundschule mit Förderung "Schwerpunkt Lernen", Entwicklungsverzögerung, ADS, bronchopulmonale Dysplasie


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Vorgeschichte

In Kurzfassung die Vorgeschichte: unser Sohn ist ein ehemaliges Frühgeborenes der 30. Schwangerschaftswoche. Eigentlich sah trotz Frühgeburt beim Start unseres Sohnes ins Leben alles gut aus. Er war recht kräftig, ich selber habe vorher Lungenreifespritzen bekommen. Leider hat sich in den ersten beiden Lebenstagen doch noch ein Pneumothorax entwickelt. Dann hieß es voll intubieren, Lungendrainage. Er hatte zum Glück keine Hirnblutung davongetragen, ließ sich aber von der Beatmungsmaschine und dem Sauerstoff recht schwer entwöhnen. Zu dem Zeitpunkt der eigentlichen Geburt ist er dann mit Monitor wegen Gefahr eines plötzlichem Kindstods nach Hause entlassen worden, mit einer bronchopulmonalen Dysplasie 2. Grades, aber ohne Sauerstoff.

 

Er war immer in der Entwicklung zurück, bekam ab dem ersten Lebensjahr Frühförderung, im Kiga war er zwei Jahre lang Integrationskind. Er hat sehr viel gelernt - hat aber den Stand von den Kindern in seinem Alter nie erreicht. Er hatte aber definitiv keine geistige Behinderung. Wegen diverser Auffälligkeiten im Verhalten sind wir in einem SPZ vorstellig geworden, wo ein ADS diagnostiziert worden ist. Er hat einen normalen IQ (aber im unteren Bereich).

 

Kindergarten und Suche nach der passenden Schule

Wegen der Schulform sind wir vom Kiga angesprochen worden, doch mal einen Elternabend zu besuchen der nur für "besondere Kinder" gedacht ist. Da begann das Dilemma! Welche Schule ist die Richtige? Erst mal wollten wir ihn zurückstellen und ihn die Vorschule besuchen lassen, um zu sehen, wie er überhaupt mit dem Thema "Schule" klarkommt.

 

Das war auf jeden Fall für uns die richtige Entscheidung! Wir hatten ihn erst mal "blind" ins Messer laufen lassen, um zu sehen was passiert. Nach ein paar Wochen hatten wir den ersten Elternabend im "kleinem Kreis". Es war leider alles so eingetreten wie erwartet! Er war sehr unruhig, Konzentration ganz gering, hatte kein Ziel, Stifthaltung unmöglich, motorisches Verhalten völlig unkoordiniert… (und das alles trotz jahrelangem psychomotorischen Turnens und Ergotherapie). Daraufhin haben wir dann mit einer Medikamenteneinstellung wegen des ADS angefangen, und wir haben intensiv nach der richtigen Schulform gefahndet!

 

Hier in der Ecke sind wir leider noch "Entwicklungsland", so viele Möglichkeiten standen uns also nicht offen. Die vorgestellten Schulen waren:

  • Die Förderschule für geistige Entwicklung - nichts für uns - es besteht definitiv keine GB.

  • Die Förderschule für körperliche Beeinträchtigung - wäre super gewesen, weil die Kinder dort den "normalen Grundschulstoff" lernen, aber mehr Zeit und meist eine zweite Person im Unterricht haben. Leider hatten wir keinen Zugriff darauf, weil er definitiv keine körperlichen Beeinträchtigungen hat.

  • Die Förderschule für Lernbehinderungen - wollten wir sehr ungern, da diese Schule, die für unser Einzugsgebiet zuständig ist, "Sammelpunkt" für alle auffälligen Kinder ist, Kinder mit Lernbehinderungen genauso, wie Kinder mit emotionalen/sozialen Problemen. Zudem wäre der Junge schon wieder aus dem Ort herausgenommen worden und hätte keine Freundschaften pflegen können.
 
Vorschule und "RIK-Programm" an der Grundschule

In der Vorschule ist auch ein sonderpädagogischer Förderbedarf beantragt worden. Dabei ist ein Förderbedarf im "Schwerpunkt Lernen" festgestellt worden, mit der Option ihn auch an dem "RIK-Programm" in der hiesigen Grundschule teilnehmen zu lassen. Jetzt hatten wir das Glück, dass die hier ansässige Grundschule in dem Jahr der Einschulung dieses Programm aufgenommen hat. Das heißt, dass die Kinder nach den Richtlinien der "Förderschule Lernen" unterrichtet werden, aber in der ortsnahen Grundschule. Dazu kommt dann ein/e Förderschullehrer/in extra in die Grundschule. Vorteile sind, dass die Kinder im Ort verbleiben, von den anderen Kindern sich eine Menge abgucken können, und vor allem haben sie die Chance, dass sie, wenn sie den Stoff der anderen Klassenkameraden beherrschen, den Förderstatus verlieren und automatisch als "Regelkind" zählen (ein Kind hat es geschafft). Nachteil ist, dass die Anzahl der angebotenen Förderstunden, die die Förderschullehrkraft in der Schule verbringt, sehr gering ist - nämlich nur 3 Stunden pro Woche pro Klasse! (Wirklich viel zu wenig!)

 

Wir haben nun diese Schulform gewählt - es klappt so einigermaßen, die Lehrer sind sehr engagiert. Den Anschluss an den Lernstoff der anderen Kinder hat unser Sohn aber leider dennoch nicht geschafft. Er besucht jetzt die dritte Klasse (die zweite und dritte Klasse sind noch einmal ein großer Schritt). Wir bemerken, dass die Schere zu seinen Kameraden leider doch größer wird anstatt kleiner, er selber merkt es auch. Er bekommt recht oft "Extrawürstchen", weil er einfach nicht mehr kann! Hausaufgaben sind dann nicht mehr möglich, Üben für ein Diktat… Als Elternteil hat man ständig Kontakt, um Überforderungen aufzufangen und zu erkennen. Zu Haus ist es ein Drahtseilakt, die goldene Mitte zu behalten, damit er nicht allzu sehr hinterherhinkt - aber dennoch Zeit zum "Kind Sein" hat. Diverse Therapien sind ja meist auch noch da (Ergo z.B.).


In der Förderschule "Lernen" wäre er wahrscheinlich unterfordert - er hat den Stoff, den die Förderschule in der vierten Klasse durchnimmt, schon in der zweiten Klasse gehabt und auch verstanden. Nur eben nicht in der Menge wie seine Klassenkameraden. Wie der weitere Werdegang aussieht, muss sich jetzt mal zeigen.

Leider haben wir uns am Ende mit der "zweiten Wahl" zufrieden geben müssen. Die ideale Schulform gibt es hier einfach nicht! Er benötigt, bedingt durch seine Reifeverzögerung, durch die Frühgeburtlichkeit und sein ADS einfach nur länger. Diese benötigte Zeit zum Lernen kann ihm hier leider die bestehende Schulform nicht geben!


Und weil "Frühgeburtlichkeit" keine körperliche Beeinträchtigung ist, hat er keine Chance, die Schule für Kinder mit körperlichen Behinderungen zu besuchen. Da hätte er meiner Meinung nach die besseren Chancen gehabt, den "normalen Stoff" in mehr Zeit zu erlernen, mit Hilfe von Lehrern, die für alle da sind, und ihn nicht zu etwas "Besonderem" durch die Anwesenheit der Förderschullehrerin in der Klasse machen.

 

Familie D. aus Niedersachsen

19.11.2010


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