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Erfahrungsbericht 5
 
Jungen flüstern

Irgendetwas stimmt nicht

Junge, 25. SSW, Hessen, Grund-/Realschule, ADS, Raum-Lage-Wahrnehmung


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Zur Vorgeschichte:

Mini war er, als er zur Welt kam, unser Sohn Maximilian. Im Dezember 1998 wurde er 16 Wochen zu früh mit einem Gewicht von 720 g geboren. Über vier Monate lang musste er danach in der Kinderklinik behandelt werden, dreieinhalb Monate davon auf der Intensivstation. Anschließend wurde er zu Hause mit Krankengymnastik und später Psychomotorischem Turnen sowie Ergotherapie gefördert.

 

Grundschule

Mit sechseinhalb Jahren (gerechnet nach dem erwarteten Geburtstermin) wurde er in die örtliche Grundschule eingeschult. Maxi war im Ort und in seinem Kindergarten gut integriert und freute sich darauf, Schulkind zu werden. Nach einiger Zeit jedoch begannen leichte Schwierigkeiten aufzutreten. Irgendetwas "lief nicht rund", aber wir als Eltern kamen nicht recht dahinter, was es war. Dass Maxis Feinmotorik nicht mit der der Kinder, die seit Jahren gerne malten und bastelten, mithalten konnte, hatten wir bei unserem Bauecken-Kind erwartet. Aber sozialpädiatrische Gutachten, die in der regelmäßigen Nachbetreuung über mehrere Jahre hinweg erstellt worden waren, bescheinigten unserem Sohn eine Intelligenz im Normbereich. Damit sollte es doch wohl möglich sein, die Grundschule "normal" zu durchlaufen, dachten wir.

 

Doch unser Sohn hatte mehr und mehr Schwierigkeiten damit, die Hausaufgaben zu erledigen. Es lag jedoch nicht primär am Inhalt, wie wir nach und nach herausfanden. Dem Lerninhalt konnte er sich stellen und ihn sich aneignen, wenngleich er dafür einige Zeit brauchte. Das schwierigere Problem lag für ihn darin, sich selbst, die Arbeitszeit und die Aufgaben zu strukturieren. Das war der Grund, weshalb er jeden Tag vor dem Erledigen der Hausaufgaben erst eine Stunde lang weinte: "Es ist so viel." Keine Frage, dass er sich immer mehr vor den Hausaufgaben fürchtete.
Der Wochenplan, der in der Schule eingeführt wurde, hatte den gleichen Effekt. Eigentlich gedacht dazu, dass jedes Kind sein eigenes Lerntempo selbst bestimmen könnte, löste diese Neuerung bei Maxi regelrechte Hassausbrüche aus. Kein Wunder, denn er bewältigte das Wochenpensum ja auch in der Schule nicht, so dass er den Rest regelmäßig am Wochenende nacharbeiten musste. Auch hier waren jeden Tag Tränen und Wutausbrüche vorprogrammiert.

 

Selbstbewusstsein

Wir Eltern befürchteten, dass er schon in den ersten Schuljahren komplett die Lust am Lernen und am Wissenserwerb verlieren würde, sich vielleicht bald vollends verweigern könnte. So gut es ging, versuchten wir gegenzusteuern. Am Schulalltag konnten wir nichts ändern. Aber in der Freizeit konnten wir alles versuchen, um sein Selbstbewusstsein zu stabilisieren und ihm zu helfen, der Welt positiv und erwartungsvoll entgegenzutreten. Sportliche Aktivitäten haben wir gefördert, Freundschaften unterstützt, sogar ein Haustier haben wir angeschafft. Wir haben Maxi ermutigt, sich Kindergruppen der örtlichen Vereine und denen der Kirchengemeinde anzuschließen, um positive Gruppenerlebnisse zu sammeln und Wertschätzung zu erfahren, unabhängig von schulischen Leistungen. Diese Ansätze haben sich im Rückblick (mittlerweile ist unser Sohn in der 5. Klasse) sehr bewährt. Obwohl Maxi ein sehr sensibler und tief innen auch recht ängstlicher Junge ist - kein Wunder bei diesem Start ins Leben -, geht er nach wie vor gerne zur Jungschar, zur Jugendfeuerwehr und ins Judo, fährt auch mit auf mehrtägige Fahrten, kann sich gut in Gruppen integrieren und zehrt von dem Spaß, den man dort miteinander hatte.

 

Aber zurück zu den ersten Schuljahren: Unsere erste Vermutung als Eltern war, dass Maxi vielleicht eine Lese-Rechtschreibschwäche haben könnte, die die Ursache für das Hausaufgabenproblem sein könnte. Untersuchungen ergaben jedoch, dass eine solche LRS bei ihm nicht vorliegt. Stattdessen wurde allerdings ein ADS vermutet und schließlich auch festgestellt, also ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ohne Hyperaktivität, das sog. "Träumerchen-ADS". Ein Verhaltenstraining, an dem wir - Eltern und Kind - daraufhin teilnahmen, brachte leider keinerlei Erfolg. Also versuchten wir "notgedrungen" eine Medikation. Und siehe da, Maxis Hausaufgaben-Heulattacken verschwanden. Die tägliche Angst vor dem zu bewältigenden Berg löste sich innerhalb kurzer Zeit in Luft auf. Unser Sohn konnte sich nun direkt den Herausforderungen stellen, die die Aufgaben an ihn herantrugen. Ein wesentliches Lernhindernis war bezwungen. Wir alle waren sehr erleichtert. Maxi hat zum Glück in der Folge eine recht gute Arbeitshaltung entwickelt. Er möchte lernen und für seine Bemühungen auch mit Anerkennung belohnt werden. Das heißt, er erledigt Aufgaben zeitnah und sorgfältig, so gut er es kann. Und er lernt auch mit einem gewissen Ehrgeiz.

 

Wiederholung

Dennoch hat er es nicht leicht. Für viele Lernschritte braucht er länger als die Mitschüler. So hatte die Klasse oft einen Lerninhalt mit ausführlichem Üben abgeschlossen und begann ein neues Thema, während Maxi das Thema nun erst durchdrungen hatte und jetzt die intensive Übephase gebraucht hätte, um das Gelernte zu festigen. Im Rechnen und im Schreiben zeigte sich dies, so dass wir Maxi in der Mitte der zweiten Klasse noch einmal in die erste Klasse zurücknahmen. Dieser Schritt, ihm mehr Zeit zu verschaffen, war sehr positiv für ihn, auch wenn wir ihn aus seiner Lerngemeinschaft herausnehmen mussten.

 

Seine Raum-Lage-Wahrnehmung reifte deutlich langsamer als die seiner Alterskameraden, d.h. er verdrehte Buchstaben und Zeichen bis ins vierte Schuljahr, während die Klassenkameraden die richtige Ausrichtung der Buchstaben am Ende des ersten Schuljahres sicher beherrschten. So fiel ihm auch das Lesenlernen schwer, weil er bei jedem "b" und "d" erst mühsam raten musste, ob das Wort eher mit "b" oder eher mit "d" einen Sinn ergibt. Auch jetzt - in der 5. Klasse - ist er immer noch kein Jugendlicher, der gerne liest. Ehrlich gesagt ist er noch nicht einmal ein Jugendlicher, der irgendetwas "von sich aus" liest. So kann er sich Wortgestalt und Rechtschreibung natürlich auch nicht in der Weise einprägen, wie seine Schulkameraden es tun und ihre Fertigkeiten damit ständig verbessern.

 

Dennoch liebte er schon immer Geschichten. Wir Eltern mussten stundenlang vorlesen, einmal sogar den ganzen ersten Band vom Räuber Hotzenplotz am Stück. Leidenschaftlich gerne hört er auch heute noch Hörspiele bzw. Hörbücher. Ob er wohl von Anfang an ein auditiver Lerntyp war? Wer weiß? Auch Englisch-Vokabeln eignet er sich auditiv an, d.h. jemand muss sie ihm vorlesen und er lernt die Wörter in einem ersten Arbeitsgang nach Gehör. Dann ist allerdings noch ein zweiter Arbeitsgang nötig, um sich zu jeder Vokabel auch die Schreibweise einzuprägen. Ein ziemlicher Lernaufwand! Wie gut, dass Maxi seine Arbeitshaltung entwickeln konnte, ohne die sein erfolgreiches Lernen sicher nicht möglich wäre.

 

Maxi hat jedenfalls einen sehr großen Wortschatz, er kann sich gut ausdrücken und ansprechende Texte schreiben. Wenn nur das Rechtschreibproblem und die Feinmotorik nicht wären... Auf der Realschule, die er jetzt besucht, führt das dazu, dass ihm leider auch für Gewusstes Fehler angerechnet werden, weil eben die Rechtschreibung nicht stimmt oder weil die Lehrer seine Schrift angeblich nicht entziffern können. Wir Eltern hoffen nun natürlich, dass sein Selbstbewusstsein und seine gute Arbeitshaltung noch ein bisschen durchhalten. Aber die Pubertät wirft auch bei Maxi ihre Schatten schon deutlich voraus...

 

Im folgenden Schulaufsatz, den Maxi in der vierten Klasse im Unterricht verfasste, spiegelt sich für den aufmerksamen Leser einiges von dem oben Geschilderten:

Aufsatzheft

Hier noch einmal in Abschrift. Die dringendsten Wünsche, die Maxi auf dem Hintergrund seiner schwierigen Schulerfahrungen formuliert hat, wurden farblich hervorgehoben.


Meine Wunsch Klasse
Meine Wunsch klasse solte farben fro sein. Und vorallem leise damit man gut lehrnen kann. Und es sollte keine Hausaufgaben geben damit man mehr freizeit hat. Es solte auch friedlich zu gehen. Alle solten nett zu einander sein und sich nicht ergen und all das. Man solte sport verlängen und Mathe verkürzen. Und wenn einer was nicht fersteht solte man es ihm erkeren bis er es verstanden hat. Die Klassen solten alle fil viel mehr ausflüge und Klassenfahrten veranstalten. Damit alle Glücklich werden und spaß am lernen haben. Und wenn jemand was nicht in der Schule fertig bekommt solte er es nicht als Hausaufgabe auf bekommen. Man solte auch die ferien um eine Woche färlangern. Damit wir wider frohlich in die Schule gehen. und auf den weiter vürenden schulen solte es gar keinen ganstags untericht mehr geben. Und man solte sich auch auf arbeiten gut vorbereiten können. Und Englich solte man auch besser erkleren damit wir es auch ferstehen. Und es sollte auch einen kiosk in der Schule geben. Und der Wochenplan solte abgeschaft werden. Und es solte viel mehr mit Compiutern gearbeitet werden. Und es solte auch im unterricht erlaubt sein etwas zu trinken und etwas zu essen. So stehle ich mir meine Wunsch klasse vor.

Familie W. aus Hessen

06.01.2011


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