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Erfahrungsbericht 6
 
Jungen flüstern

Alles ganz normal - oder?

Mädchen, 32. SSW, Rheinland-Pfalz, Grundschule, ADS


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Füller
Vorgeschichte:

Unser Kind wurde in der 32. Schwangerschaftswoche geboren und außer einem 4-wöchigen Aufenthalt in der Kinderklinik der Unikliniken in Mainz (davon 3 Wochen Intensiv-Station),
ohne Beeinträchtigungen nach Hause entlassen. Es folgten 4 sehr ruhig Wochen zu Hause (Stillen war schwierig, unser Kind zu müde zum Trinken), anschließend hatten wir ein Schreikind, welches in der Nacht - Gott sei Dank – schlief (mit 2-3 Trinkpausen), am Tag aber schon morgens mit nichts zu beruhigen war, außer mit Stillen, Spazierengehen oder Herumtragen. Unsere Nerven lagen blank!

 

Kindergarten

Nachdem die anstrengendste Zeit um war, etwa mit 8 Monaten, entwickelte sich unser Kind im eigenen Tempo: sprachlich deutlich weiter, die körperliche Entwicklung nicht nennenswert langsamer als bei anderen Kindern. Die gesamte körperliche Entwicklung war genau um die 2 Monate verzögert , die es zu früh geboren wurde. Mit dem Beginn der Kindergartenzeit meinten wir ein überaus normal entwickeltes Kind zu haben: intelligent, sprachbegabt und sehr sozial. Das einzige, was den Erzieherinnen auffiel, war eine hohe Ablenkbarkeit und dass unser Kind extrem langsam beim Anziehen sei.

 

Grundschule

Auch die ersten beiden Schuljahre fielen durchaus leicht, in der Klasse gab es trotz der 29 Kinder feste Strukturen und klare Ansagen, eindeutige Aufgabenstellungen und Hinweise, wenn die Kinder etwas mitbringen sollten, etc. Auffällig war nur, dass unsere Tochter noch immer etwas langsam war und häufig Einschlafstörungen hatte. Sie klagte oft über anstrengende Sportstunden; sie könne in der Pause nicht so schnell rennen, wie die anderen Mädchen; die Lautstärke in der Klasse; sowie über Kopf- und Bauchschmerzen, für die der Kinderarzt keine Ursache feststellen konnte. Zu Hause zeigte sich eine gewisse Über-Anstrengung in schlechter Laune und Wutanfällen. Auch gab es Probleme, z.B. wenn sie sich selbst fertig machen sollte, beim Waschen und Anziehen morgens und abends. Eigentlich geht es bis heute, mit fast 9 Jahren, meistens nur mit der Begleitung eines Elternteils, obwohl eine Selbständigkeit in diesem Alter schon eingefordert werden könnte. Jetzt stellte ich mir als Mutter und ausgebildete Erzieherin die Frage, ob sie sich wirklich so normal entwickelt habe, wie angenommen, oder ob wir in der Erziehung in diesen Punkten versagt hätten.

 

Der Wechsel in die 3. Klasse war wie eine kalte Dusche. Die Lehrerin wechselte, erfreulicherweise sank die Schülerzahl auf 17 Kinder. Da aber die neue Lehrerin auch Konrektorin ist, wurden einige ihrer Stunden mit Fachlehrern besetzt. Durch ein Aufteilen der Kinder in einigen Stunden nach Leistung hat die Klasse nun 8 verschiedene Lehrer schon in der Grundschule! Jetzt soll auch noch eigenverantwortliches Lernen eingeführt werden, die Schüler sollen mit Wochenplänen selbständig arbeiten. Arbeitszeit zu strukturieren ist ganz schwierig für unser Kind.

 

Zu Hause gab es seit der 3. Klasse große Probleme mit den Hausaufgaben. Entweder unsere Tochter hatte sie nicht aufgeschrieben oder die passenden Zettel und Bücher in der Schule liegenlassen. Es kam auch vor, dass sie die falschen Aufgaben machte oder sie ganz vergaß. Auch wurde sie nicht mehr in der angemessenen Zeit fertig. Die 6. Stunde, die mit der 3. Klasse dazu kam, forderte ihr Tribut. Sie war einfach zu müde und unkonzentriert. Im Hort, den unsere Tochter besucht, konnte sie zunächst gar keine Hausaufgaben mehr machen. Den Hortbesuch reduzierten wir auf 3 mal die Woche, sofern es beruflich einzurichten war. An Spielen am Nachmittag war in den ersten Wochen gar nicht zu denken, da unser Kind weinend darauf bestand, alle Hausaufgaben zu erledigen.

 

Zum Glück hatte sich alles bis zu den Herbstferien einigermaßen eingespielt. Probleme gibt es weiterhin, die Hausaufgaben und die Arbeiten in der Schule erledigt unsere Tochter gut, aber mit deutlich größerer Anstrengung als andere Kinder. Sie wird mit Arbeitsblättern im Unterricht fast nie fertig, bräuchte bei Klassenarbeiten mehr Zeit und mehr Ruhe, muss häufiger Aufgaben in Zeiten erledigen, in denen die Klassenkameraden Freiarbeit haben oder vorgelesen bekommen, was sie als sehr ungerecht und als Strafe empfindet. Auch musste sie schon häufiger wegen Krankheit Arbeiten nachschreiben, was in der Klasse oder auf dem Flur jedoch zu keinen guten Ergebnissen führte.

 

Durch das Symposium Frühgeborene und Schule wurde mein Verdacht bestätigt, dass das Verhalten und die Schwierigkeiten etwas mit der Frühgeburt zu tun haben könnte. Wir vereinbarten einen Termin im Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ), die Diagnose ADS wurde gestellt. Das entlastet mich als Mutter und belastet mich gleichermaßen, da ich mich jetzt mit der Thematik nochmals stärker auseinandersetze und wir versuchen möchten, unserem Kind ein erfolgreiches und eigenständiges Leben zu ermöglichen. Ich empfinde das als eine riesengroße Aufgabe und Herausforderung. Zum Glück haben wir Vieles schon immer "richtig" gemacht, zum Beispiel brauchte meine Tochter schon immer einen klar strukturierten Tag. Aktionen oder auch der Fernsehkonsum sind stark eingeschränkt um die Reizüberflutung etwas zu mildern. Vermutlich hat mir im Umgang mit den alltäglichen Problemen mein Beruf doch sehr geholfen, so dass wir die Schwierigkeiten und Auffälligkeiten recht gut lenken und bewältigen können.

 

Nun stehen weitere Termine im SPZ und Gespräche mit den Lehrern und den Horterziehern an. Alle sind sehr offen für das Thema, Änderungen durch die ersten Gespräche aber noch nicht erkennbar. Zu Hause versuchen wir mit Plänen und Strichlisten den Tag zu strukturieren und mit Punktesystemen Anreize zu schaffen, Aufgaben dauerhaft selbstständig zu erledigen. All das ist enorm anstrengend für die ganze Familie. Manchmal wünsche ich mir schon fast, unsere Tochter hätte nicht so gute Noten, da ihre Schwierigkeiten gar nicht so richtig wahr- und ernstgenommen werden. Auch möchte meine Tochter sein wie jedes andere Mädchen, und ich finde es schwierig, erklären zu müssen, dass sie ADS hat. Ich befürchte, sie hat damit eher Nachteile als Hilfestellungen zu erwarten. Wie wohl bei vielen Frühchen/und ADS-Kindern ist ihr Selbstbewusstsein ohnehin nicht so gut ausgeprägt.

Wir hoffen, Ihr vermitteln zu können, dass sie in Ordnung ist, so wie sie ist, und sie wie jeder Mensch seine Stärken hat, auf die es letztlich ankommt. Sie geht nach wie vor sehr gerne zur Schule und wir sind guten Mutes, dass es so bleibt. Bald steht die Frage der weiterführenden Schule an und wir brauchen sicherlich einen gute Beratung, um die richtige Wahl zu treffen.

 

Familie H. aus Rheinland-Pfalz

06.01.2011


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