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Erfahrungsbericht 7
 
Jungen flüstern

Erfahrungen zur Rückstellung für das erste Grundschuljahr in
Rheinland-Pfalz

Junge, 27. SSW, Rheinland-Pfalz, Kindergarten, Rückstellung, motorische Entwicklungsverzögerung


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Füller
Vorgeschichte

Vielleicht kann Johannes Taufspruch etwas von dem aussagen, was Frühgeborene und ihre Eltern ab dem Moment der Geburt erleben, empfinden und auch erfahren. Daher will ich ihn als Art Leitfaden zum Thema Frühgeborene und Schule meinem Erfahrungsbericht voranstellen:

Jesus sprach:
Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.
Seht zu, dass ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet.
Matthäus 18, 3+10

Einer dieser Kleinen ist unser Sohn Johannes. Er wurde 2004 in der 27. Schwangerschaftswoche als Notfallkaiserschnitt entbunden, 38 cm groß und 1170 Gramm schwer. Ab diesem Tag war alles anders.

 

Und trotz seiner Frühgeburtlichkeit entwickelt er sich gut. Er ist sehr zurückhaltend gegenüber Fremden, ein sensibles Kerlchen, aufgeweckt, technisch interessiert, hat ein sehr gutes räumliches Vorstellungsvermögen, ist jedoch seelisch nicht sehr belastbar; er hatte lange Zeit Probleme, dass Motorik und Intellekt gleichzogen und war daher auch entsprechend lange in Krankengymnastik, er nimmt sich in Gruppen Gleichaltriger gerne freiwillig zurück, neigt zu mangelndem Selbstbewusstsein, um dann Zuhause wieder voller Egoismus sein Programm durchzuziehen. Seine sozial-emotionale Kompetenz ist noch nicht altersgerecht entwickelt und eine gewisse soziale Ängstlichkeit bereitet ihm immer wieder Probleme und so versuchen wir als Familie alles, was ihm hilft, seinen Weg zu gehen.

 

Vielleicht verstehen Sie als Betroffene dieses Phänomen: Man erkämpft sich tagtäglich Normalitäten, die Eltern von Regelgeborenen gar nicht zu schätzen wissen, da sie diese Erfahrungen nie machen mussten. Einer unserer letzten großen Kämpfe war die Rückstellung für das erste Grundschuljahr. Wir kämpften in 2010 vom Tag der Einschulungsuntersuchung an unserer Grundschule bis zum Beginn der Sommerferien in Rheinland-Pfalz ganze 7 Monate für die Zukunft unseres Sohnes.

 

Kindergarten

Er ist, wie erwähnt, ein aufgeweckter, freundlicher Junge, der dennoch eher zurückhaltend seine Mitmenschen und den Alltag mit allem, was dieser von ihm fordert, beobachtet und analysiert bevor er handelt. Genau dieses Phänomen beobachtete auch unser Kindergarten, in dem er seit Januar 2007 war und aktuell auch noch ist. Die Vorschulgruppe, die ihn von September 2009 bis jetzt begleitet, trat im Dezember 2009 an uns heran, dass er zu "langsam" sei und einfach mehr Zeit zum Erledigen der Vorschulblätter brauche als Gleichaltrige; er würde alles ordentlich ausfüllen, brauche aber eben mehr Zeit. Sie würden eine Rückstellung für das erste Grundschuljahr für sinnvoll erachten, da ihre Erfahrungen zeigten, dass sein "Zeitproblem" etwas mit seiner persönlichen Reife zu tun habe und dies ein Jahr später sicher anders aussehe. Entgegen den Befürchtungen der Erzieherinnen sahen wir in einer Rückstellung für ein Jahr keinen Makel und fühlten uns in unserer doch sehr subjektiven Beurteilung unseres Sohnes bestätigt.

 

Einschulungsuntersuchung und Rückstellung

Die im Monat darauf folgende Einschulungsuntersuchung an der Grundschule war der reine Nervenkrieg. Trotz dicker Krankenakte mit Kopien von Ergo- und Physiotherapeutenberichten, Kinderärztlichen Beurteilungen, Krankenhausberichten, HNO-und Augenarztbefunden, sah die untersuchende Ärztin keinen Grund, Johannes nicht einzuschulen. Er sei schulreif wurde mir lapidar mitgeteilt, aber mit meinen Befürchtungen wäre es dennoch empfehlenswert mal über eine Förderschule oder den Schulkindergarten nachzudenken. Nach langen Einwänden meinerseits notierte die Schulärztin widerstrebend auf ihrer Beurteilung "Eltern wünschen Rückstellung, Elterngespräch sinnvoll".

 

Direkt nach dieser negativen Erfahrung ging ich mit meinem Sohn zur Schulleiterin der Grundschule und beantragte schriftlich die Rückstellung für das kommende Schuljahr. Die Rektorin war sehr entgegenkommend und fragte nach dem Urteil des Kindergartens, den sie persönlich sehr schätze und nach den Meinungen der Ärzte und zuletzt, man glaube es kaum, nach unserer Einschätzung als Eltern. Ich durfte den Antrag auf Rückstellung unterschreiben und es wurde gleichzeitig vermerkt, dass unser Sohn ein weiteres Jahr in seinem vertrauten Kindergarten bleiben dürfe und ich ging etwas erleichtert aus dem Schulgebäude.

 

Dank meiner Zweifel, ob dies denn nun alles so laufen würde, ging ich erneut zum Kinderarzt und bat um ein ausführliches Attest zwecks Rückstellung. Gleichzeitig bat ich einen weiteren Kinderarzt, der Johannes auch aus der Intensivstation der Frühchen kannte, um eine zusätzliche Stellungnahme. Beide Ärzte befürworteten meine Entscheidung und ich kann dem Zweifel des einen Kinderarztes dankbar sein, der mir empfahl, zusätzlich ein sozialpädiatrisches Gutachten einzuholen.

 

Also nahmen wir Kontakt mit einem Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) auf und baten um einen Termin. Unsere Erfahrungen mit Gutachten über unseren Sohn waren nicht sehr gut, denn ein anderes SPZ hatte unseren Sohn bereits vor dem Eintritt in den regulären Kindergarten beurteilt und das Verhalten der dortigen Gutachterin hatte mich extrem abgeschreckt, diese Einrichtung noch einmal aufzusuchen. (Beispiel: Johannes sollte dort im Januar 2007 als knapp Dreijähriger barfuß über einen eiskalten PVC-Fußboden gehen und fing an, auf den Zehenspitzen zu tippeln. Prompt schrieb die Ärztin auf, dass er keinen normalen Gang einnehmen könne und sich verweigere. Alle meine Erklärungen, dass Johannes Zuhause nie barfuß ginge, weil wir Fliesen haben, wollte sie nicht hören).

Johannes selbst spürte immer deutlicher bei all diesen Arztbesuchen, dass er scheinbar "nicht normal" sei und es ist unendlich schwer, die Seele eines Kindes zu erfassen, das von Arzt zu Arzt geschickt wird, weil jeder nach einem Makel, ja sogar einer Behinderung sucht, die es ausgrenzen würde. So kamen wir im April 2010 etwas ängstlich ins SPZ und trafen dort einen sehr kompetenten Oberarzt, der Johannes in seiner Gesamtheit erkannte, untersuchte, uns aufmerksam zuhörte und medizinisch beurteilte. Auch hier hatten wir ein altbekanntes Problem: Johannes Intellekt war vollkommen altersgerecht entwickelt, während seine körperlichen, motorischen Fähigkeiten die Verhaltensweisen eines jüngeren Kindes zeigten. Die untersuchende Schulpsychologin testete Johannes über eine Stunde ganz alleine und bescheinigte ihm dann auch prompt die Schulreife. Dieser Zwiespalt zwischen Körper und Geist unseres Sohnes wurde hier zugunsten seines Körpers entschieden. Eine weise Entscheidung für ein Kind, das zwar die Aufgaben, die ihm gestellt werden, relativ normal erledigt, aber dessen Körper nicht mithalten kann und seinem Geist immer etwas nachhinkt. Das SPZ bestätigte nach einem weiteren, zweiten Untersuchungstermin die Rückstellung.

 

Nach langen Wochen und Monaten des Bangens hatte sich auch urplötzlich die zuvorkommende Schulleiterin der Grundschule gemeldet, um uns mitzuteilen, dass ihre Zusage vom Januar so nicht zu halten sei und sie nun dringend aufgrund geänderter Vorgaben der Schulaufsichtsbehörde ein ausführliches Gutachten benötige. Und nun hatten wir vom SPZ das sozialpädiatrische Gutachten. Die Gratwanderung zwischen Regelschule und Förderschule war entsprechend schwierig. Doch dank eines einfühlsamen Arztes, der uns und unser Kind richtig erkannte, der uns zuhörte und auch unsere Sorgen um Johannes verstand, hatten wir nun die erhoffte Rückstellung für das laufende Schuljahr. Die Schulleiterin zog ihre Entscheidung bis zur Vorlage des Gutachtens raus und wie so oft hätten postalische Probleme beinahe dazu geführt, dass wir vor Sommerferienbeginn nicht erfahren hätten, ob unser Sohn zum Schulbeginn nach den Ferien dabei sein muss oder die Rückstellung offiziell anerkannt wird.

 

Welch´ ein Theater um ein Kind, das 13 Wochen zu früh das Licht der Welt erblickte. Ein Kind, das ums Überleben kämpfte und dann fast 11 Wochen auf der Frühgeborenen-Intensivstation betreut wurde. Wir durften uns im Laufe unseres Kampfes für die Rückstellung oft anhören, dass dies ein "verlorenes Jahr" für unseren Sohn bedeute. Doch wir sind der Ansicht, dass Zeit für ihn und mit ihm niemals "verloren" ist, auch wenn er nun erst mit 7 Jahren die Grundschule in 2011 beginnt.

 

Wenn ich jetzt noch mal auf meinen eingangs genannten Taufspruch zurückkommen darf, dann könnte ich laut fordernd die Frage herausschreien: Wie oft wurde nun dieser Kleine missachtet? Wie oft wurden seine Interessen mit Füssen getreten und wie sehr wird man als Eltern ausgegrenzt, wenn man dem eigenen Kind und dessen Entwicklung Zeit, Geduld und Liebe geben will? Sie werden immer wieder auf Unverständnis treffen, immer wieder.

 

Daher ist es so wichtig, dass Betroffene ihre Erfahrungen an andere weitergeben, Lebensberichte, die vielleicht einen kleinen Schritt weiterhelfen oder auch Kraft geben, dass man nicht aufgibt.

 

Johannes wird nun im August 2011 eingeschult werden und ich möchte mit einer Aussage von ihm, die er gerade erst in den letzten Tagen so formuliert hat, schließen:

"Mama, wenn ich jetzt bald in die Schule komme … macht das nichts, wenn ich etwas länger brauche als die anderen?"
Ergänzung aus aktueller Sicht

Ich bin froh und dankbar, dass wir die Rückstellung für das erste Grundschuljahr für Johannes erkämpft haben. Seine motorischen Probleme schwinden immer mehr und Kindergarten sowie Ergotherapie sehen einen positiven Entwicklungsschub in die richtige Richtung.

 

Er ist nach wie vor etwas langsam, doch die Lehrerin, die im Kindergarten das Vorschulprogramm freiwillig mitbetreut und auch Sprachförderung anbietet, bestätigt uns, dass die Zeit, die wir ihm gaben, goldrichtig war. Er sei ein ordentlicher, sensibler Junge, der eben nur seine Zeit brauche und sie schätzen alle, dass er bis zum Schulbeginn 2011 seinen Weg geht. Mittlerweile ist Johannes auch im Sport in einer Leichtathletikgruppe für 4-7 Jährige "angekommen", die ihm sehr viel Spaß macht. Er besucht zusätzlich einmal pro Woche einen Schwimmkurs, wobei ich zugeben muss, dass ihm das nicht so viel Freude bereitet, wie die Leichtathletik. Aber wir versuchen es noch ein wenig, denn in der Grundschule müssen alle Kinder in der 2. Klasse schwimmen lernen.

 

Wir hatten zuerst noch eine musikalische Förderung in Erwägung gezogen, doch aktuell denken wir, dass Johannes nicht noch mehr Termine braucht; denn es ist vielmehr die unverplante Zeit, die Zeit zum Spielen, Zeit im Garten oder Wald, Zeit mit seinen Großeltern, die ihn glücklich macht und auch stärkt.

 

Wir hoffen alle, dass Johannes seinen Schulstart im August 2011 meistert und wir stehen nach wie vor zu unserer Entscheidung: Die Rückstellung für das erste Grundschuljahr war das einzig Richtige.

 

Familie S. aus Rheinland-Pfalz

08.01.2011


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