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Erfahrungsbericht 8
 
Jungen flüstern

Von einem anderen Stern

Junge, 31. SSW, Sachsen, Rückstellung, Integration in der Grundschule, Gymnasium, Sprachentwicklungsverzögerung


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Füller
Vorgeschichte

Vielleicht ist man als Frühchenmutti besonders empfindlich und auch hellhörig, ich weiß es nicht. Aber auf der Suche nach der richtigen Schule haben wir uns sehr lange befunden. Felix (Dez. 98, 31. SSW HELLP, sprachentwicklungsverzögert) war von Anfang an einfach anders. Er ließ sich schlecht integrieren und durch seine Sprachentwicklungsverzögerung konnte er sich auch nicht altersgerecht artikulieren. Somit spielte er im Kindergarten häufig mit kleineren Kindern oder bestand darauf, mit Erwachsenen zu spielen. Es fiel ihm einfach schwer, mit Gleichaltrigen Umgang zu pflegen.

 

Rückstellung

Mit dem 6. Lebensjahr begaben wir uns zur Vorschuluntersuchung in unsere zugewiesene Schule. In der Tasche befand sich von der Ergo, von der Logo, vom Psychologen (APZ) und vom Kinderarzt der Hinweis, Felix noch ein Jahr länger den Aufenthalt im Kindergarten zu gestatten. Die entsprechenden Schreiben der Therapeuten erlangte ich auf Anfrage. Vom Kinderarzt erfuhr ich damals, dass es keine Rückstellung mehr geben wird und wo er dann hinkäme, könne ich mir an den Fingern abzählen (Förderschule). Felix war mal wieder bei der U-Untersuchung "durchgefallen". Er konnte Dinge nicht benennen und Sachen, die er konnte, wurden nicht gefragt. Aber durch Beharrlichkeit erlangte ich selbst vom Kinderarzt eben das Schreiben, dass es besser wäre, Felix von der Einschulung zurückzustellen.

 

Beim Einschulungstest, den Felix trotz allem bewältigen musste, stellte sich Felix besser an als gedacht. Aber man sagte uns, dass man Bedenken habe, dass er in ein Klassenkollektiv integriert werden könne. So richtig los wollte man mein Kind aber auch nicht lassen, da er in dem Schuljahr eigentlich wichtig für die Klassenstärke gewesen wäre. Nach Vorstellung beim Arzt, welcher dann durch einen Wutausbruch (Felix trat mit voller Wucht auf den Fuß der Ärztin) ADHS vermutete, bekamen wir dann trotz alledem die Rückstellung durch. Bis zu diesem Zeitpunkt gelang es Felix noch nicht einmal, eine korrekte Stifthaltung durchzuführen. Die Hände schwebten während des Kritzelns auf Papier immer in der Luft herum.

 

Suche nach der passenden Schule

Im Jahre der Rückstellung sollte Felix von der Grundschule betreut werden. Ich glaube, die Lehrerin war 3-mal in der Kindergarteneinrichtung von Felix. Zudem bekamen wir noch eine Sprachheilkur zugesprochen, an welcher auch ich als Begleitperson teilnehmen durfte. Dass diese Kur etwas gebracht hat, bezweifle ich. Die Kur war eher auf Stotterer ausgelegt. Das Jahr ging schneller vorüber als gedacht und schon stand ein erneuter Einschulungstest bevor. Auch dieser verlief gar nicht so schlecht, aber die Klassenstärke in unserer Grundschule war damals groß, so dass man wieder empfahl, über eine alternative Schule nachzudenken. Eine private Schule kam damals für mich nicht in Frage. Diese waren allesamt zu weit weg und hätten Felix völlig desozialisiert. Zudem wäre im Winter zeitweise mit bis zu 2 Fahrstunden Schülertransport gerechnet worden. (à eine Strecke)

 

Durch eine Therapeutin während der Kur hatte ich einen IQ-Test anfertigen lassen, welcher ein mittleres Ergebnis auswies. Dieser IQ-Test zeigte zum damaligen Zeitpunkt, dass Felix nicht auf eine Förderschule gehört. Die sprachlichen Defizite verringerten sich zunehmend. Durch das Internet, vor allem durch das Frühchennetz und den ständigen Kontakt mit den betroffenen Eltern (Danke hiermit nochmals allen) erkundigte ich mich über das Angebot von Integrationsplätzen in umliegenden Schulen. Hier sprach ich auch die zuständige Grundschule an. Diese hatte jedoch einen zu großen Schülerschlüssel. Da unsere Ortschaft aus mehreren Gemeinden besteht, befinden sich in der Gemeinde 3 Grundschulen. Ich befragte mich zuerst, in welcher Grundschule die niedrigste Einschulungszahl steht. An diese Grundschule wandte ich mich und befragte mich zum Werdegang der Integration. Für die Schule war dies absolutes Neuland, eine befriedigende Aussage konnte ich nicht bekommen. So wandte ich mich an die zuständige Sprachheilschule und bekam von dieser auch einen Termin zur Vorsprache. Hier wurde mir erläutert, dass Felix einen Einschulungstest in der Sprachheilschule erst einmal bewältigen müsse und man dann bei entsprechenden Ergebnissen eine Integration befürwortet und diese auch in die Wege geleitet werden könnte.

 

Grundschule und Integration

Felix nahm am Einschulungstest teil. Er bewältigte ihn mit Bravour und man hätte ihm am liebsten an der Schule aufgenommen. Durch die Sprachheilschule wurde Kontakt zur Grundschule der Gemeinde aufgenommen und die Integration in die Gänge gebracht. Am 02.09.2006 wurde die Einschulungsfeier von Felix gefeiert. Mir war immer noch mulmig zumute. Doch Felix bewältigte die Anfänge besser als gedacht, blieb auch lange im Nachmittagshort und fühlte sich von Anfang an wohl. Einmal die Woche erhielt er separaten Unterricht durch eine von der Sprachheilschule angelernte Lehrerin. Hier ging man auch so manches Thema nochmals durch. Die Schule wiederum warb damit, nunmehr eine Schule mit Integrationsmöglichkeiten zu sein.

 

Die Logopädie und die Ergotherapie wurden durch mich mit Beginn der Schule fast gänzlich beendet. Nur in den ersten 2 Schuljahren besuchten wir noch sehr sporadisch die Logopädie, welche durch eine sehr kompetente und einfühlsame Logopädin durchgeführt wurde. Felix entwickelte sich prächtig. Mit den guten Zensuren kam auch das Selbstwertgefühl. Gedichte oder Texte aufsagen meisterte er mit sehr guten Noten. Seine Schwäche lag eindeutig im freien Äußern oder auch freien Schreiben. Hier fehlten ihm teilweise Wörter oder er konnte Wörter und Aufgaben nicht deuten. So gewöhnte er sich auch ab und an daran, dass man nicht nur positive Ergebnisse im Leben erzielen kann. Felix wurde durch uns Eltern auch in Ferienlager geschickt, auch ganz allein. Das mag für manche hart klingen, aber er bewältigte auch das.

 

Bis zur 3. Klasse nahm Felix den Unterricht und auch die geforderten Aufgaben relativ gelassen auf. In der 4. Klasse wurde durch mich Felix das Gymnasium schmackhaft gemacht. Vielleicht wollte ich es allen zeigen, die nicht an ihn geglaubt hatten. Zudem wurde er durch uns Eltern zum Tischtennissport verleitet. Alles Neue bereitete ihm und bereitet ihm auch noch heute Ängste, so dass er keine Lust auf diesen Sport hatte. Als er jedoch Tischtennis spielen konnte, machte ihm dieser Sport Spaß. Zudem erhoffte ich mir dadurch, dass das Überkreuzdenken, was die Ergotherapie immer anmahnte, gefördert wird.

 

Gymnasium

Die 4. Klasse schaffte Felix mit einer Bildungsempfehlung für das Gymnasium. Seit August 2010 besucht Felix nun das Gymnasium. Seine Leistungen sind relativ gut (Durchschnitt 2,5-3). Die neuen Aufgabenstellungen müssen wieder erst mehrmals durchgenommen werden, ehe er versteht, auf was es ankommt. Eine Integration wird nicht mehr durchgeführt.

 

Im Tischtennis ist er derzeit in der Mannschaft und spielt auch bei Kreismeisterschaften mit. Seine Mannschaft hat er bis jetzt nicht enttäuschen müssen, da er schon mehrere Punkte einspielte.

Vor einigen Wochen hatten wir dann unseren ersten Lehrersprechtag, an welchem ich mir  vornahm, auch einmal mit der Klassenlehrerin zu sprechen. Die Klassenlehrerin hatte bis zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung von Felix´ Vorgeschichte. Ich sprach sie konkret darauf an, wie Felix im Klassenkollektiv angekommen sei. Seit Felix im Gymnasium ist, wird er häufiger angerufen, erhält Einladungen und man verabredet sich auch schnell einmal. Die Klassenlehrerin schmunzelte mich an und sagte: "Wenn ich ehrlich bin, manchmal kommt mir Ihr Felix vor, als sei er von einen anderen Stern."


Familie M. aus Sachsen

15.01.2011


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