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Erfahrungsbericht 11
 
Jungen flüstern

Hochbegabung eines Extremfrühchens –
(K)ein Segen?

Mädchen, 27. SSW, Niedersachsen, Montessori-Grundschule, hypophysärer Kleinwuchs, Hochbegabung


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Füller
Vorgeschichte

Am 04. April 2003 kommt unsere Tochter Talissa Cheyenne als Extremfrühchen bei 26+5 SSW mit 650g zur Welt. Besonders die ersten Lebenswochen, aber auch die weiteren Lebensjahre sind von Krankheit und immer wieder neuen Diagnosen begleitet. Im September 2007 wird hypophysärer Kleinwuchs festgestellt. Seit dem 01. Oktober 2007 erhält Talissa täglich Wachstumshormone gespritzt. Das Wohlbefinden von Talissa hat sich mit diesem Tag verändert. Sie ist nicht mehr das fröhliche Kind, das trotz diverser Krankenhausaufenthalte den Schalk im Nacken hat. Im Kindergarten gibt es ein Jahr später einen psychisch-sozialen Zusammenbruch und Talissa verbringt anschließend drei Monate in der Tagesklinik der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Ob Talissa im Sommer 2009 die Schule besuchen kann, ist zu diesem Zeitpunkt fraglich. Während des Klinikaufenthaltes und in weiteren Testverfahren wird deutlich, dass Talissa sehr weit für ihr Alter ist (hochbegabt) und die Diskrepanz zwischen Intelligenz/Begabung und Sozialverhalten immer größer wird. Die kommenden Wochen in der Klinik sind sehr hilfreich und Talissa kann stabilisiert werden und wieder den Kindergarten besuchen. Nach der Schuluntersuchung im Januar 2009 wird klar, sie muss in die Schule und das dringend.

 

Suche nach der passenden Schule

Nun stellt sich die Frage, welche Schulform ist richtig für unser Kind. Die im Ort ansässige Grundschule hat keinen besonders guten Ruf. Klar für diese Schule spricht, dass die soziale Stabilität erhalten werden könnte, da Talissa zusammen mit ihren FreundInnen die Schule besuchen könnte. Daneben sehen wir uns zwei weitere Schulen an. Eine Grundschule in der Stadt Hannover mit einzelnen Plätzen in den Klassen für hochbegabte Schüler. In dieser Schule haben wir auch einen Vorstellungstermin. Der Termin ist sehr zweigeteilt. Während ich zuhöre und über die Angebote staune, krümmt sich Talissa auf dem Stuhl wie ein Fötus im Mutterleib und antwortet auf keine Frage. Eine uns bekannte typische Abwehrhaltung. Sie verschließt sich komplett und ist für keinerlei Informationen bereit. Die Schule ist toll und ich kann mir Talissa gut in dieser Schule vorstellen. Aber unsere Tochter wehrt sich mit Händen und Füßen. Sie möchte nicht in die Schule, sie will mit ihrer besten Freundin zusammen die Schule besuchen. Die zweite alternative Schule zu unserer Grundschule im Ort ist eine bilinguale Privatschule. Hier wird bis auf Deutsch und Religion jedes Fach auf Englisch unterrichtet. Auf einem Informationsabend lernen wir die Schule kennen und sind grundsätzlich begeistert vom Konzept. Doch wollen wir ein Kind, das von Beginn an zweisprachig lernt und weniger deutsch als englisch spricht? Nachdem uns die monatlichen Beiträge bekannt wurden, war eindeutig klar, diese Schule kommt für uns nicht in Frage.

 

Grundschule

Am 8. August 2009 wird Talissa auf der Grundschule im Ort eingeschult – mit einer großen Feier und vielen lieben Gratulanten. Bereits nach wenigen Wochen wird deutlich, dass Talissa große Probleme mit der Schule hat. Sie verweigert massiv die Hausaufgaben, so dass wir manche Tage zwei Stunden und mehr daran sitzen. Für sie ergibt es keinen Sinn, zehn Zeilen lang beispielsweise das große A zu schreiben. Es ist für sie unerklärlich. Das Alphabet konnte sie bereits im Alter von 4 Jahren komplett selbst schreiben. Fazit für uns sind ein Kampf um jede einzelne Zeile und dies täglich. Talissa weint jeden Tag wegen der Schule, und das zerreißt uns das Herz. Sie weint nicht, weil sie den Anforderungen nicht gewachsen ist, sondern weil sie sich tagtäglich langweilt. Die Lehrerin hatte als Antwort auf die Hausaufgabenprobleme nur: mehr als eine Stunde am Tag soll nicht sein, dann muss sie den Rest eben am Wochenende erledigen. Das ist für uns als Eltern inakzeptabel, denn das Wochenende dient der Erholung - für uns alle. In der Klasse werden fast wöchentlich die Sitzplätze gewechselt, so dass Talissa keinerlei Möglichkeiten hat, sich an einen Sitznachbarn zu gewöhnen. Doch gerade diese feste Struktur ist für sie so wichtig. Kurz vor Weihnachten hat Talissa sämtliche Mathehefte durchgerechnet mit dem Resultat, dass sie für den Rest des Jahres Aufgaben übertragen muss. Eine Forderung von Seiten der Lehrer findet nur selten statt. Im Gegenteil, die Lehrerin setzt leistungsstarke Kinder an einen Tisch und dann wird sich eben zu viert gelangweilt. Auf Talissas Probleme in der Schule sprechen wir die Lehrerin mehrmals an. Auch auf die Tests, die ergeben haben, dass Talissa hochbegabt ist. Aber die Lehrerin sieht dies nicht bestätigt. Aus unserer Sicht gibt es keinerlei Eingehen und Verständnis für die Schüler. Förderung und Forderung gibt es an dieser Schule nicht. Wir Eltern legen keinen Wert darauf, dass Talissa hochbegabt ist. Aber wir sind auch nicht damit einverstanden, dass sie in der Schule bereits in der 1. Klasse derart unglücklich ist.

 

Wechsel zur Montessori-Schule

Nach Weihnachten, zu Beginn 2010, begeben wir uns daher erneut auf die Suche nach alternativen Schulformen. Uns fallen sofort zwei Privatschulen positiv auf, von denen wir im Verlauf der letzten Monate immer mehr gehört haben. Von beiden Schulen lassen wir uns Informationsmaterial zukommen. Die Waldorfschule erhält nicht unser erstes Interesse, obwohl sie ihre Vorzüge hat. Das Konzept der Montessori-Schule hingegen interessiert und überzeugt uns sehr. Wir besuchen zunächst einen Informationsabend und später mit Talissa zusammen das "Gläserne Klassenzimmer": hier kann man sich hautnah das Schulleben ansehen. Inzwischen kennen wir auch drei Kinder aus unserem Ort, welche ebenfalls die Schule besuchen und können auf diesem Weg auch wertvolle Tipps und Informationen aus Eltern-Sicht erhalten. Nach dem Besuch des Gläsernen Klassenzimmers erlebe ich Talissa wie nie zuvor. Als wir in unser Auto steigen, um nach Hause zu fahren, sagt sie: "Mama, zu der Schule möchte ich, ab morgen". Ich war baff, denn das habe ich nicht erwartet. Wir vereinbaren sofort einen Vorstellungstermin an der Schule. Mir ist klar, dass das Thema Frühgeburt und Kleinwuchs sehr kritisch betrachtet werden könnte. Aus diesem Grund vermerke ich bei der Anmeldung diese Tatsachen nicht, sondern berichte erst beim Vorstellungsgespräch darüber. Da Talissa zeitgleich in einem Klassenraum "getestet" wird und damit zeigen kann, dass gewisse Vorurteile, die einfach herrschen, auf sie nicht zutreffen, ist das parallele Erklären möglich. Talissa erhält einen Schulplatz. An jenen Abend (es war kurz vor 21 Uhr) erinnern wir uns mit großer Freude zurück. Als der für uns erlösende Anruf kommt, fällt uns allen ein Stein vom Herzen. Für Talissa wird es natürlich schwierig, die Zeit bis zum Sommer zu überstehen. Aber es sind nur noch zwei Monate Schule. Endlich kein weinendes Kind mehr, keine auf den Tischen stehende Kinder und keine Kinder, die sich während der Unterrichtsstunde die Haare unter dem Waschbecken waschen. Keine Tränen mehr, weil man die Hausaufgaben schon 1000de Male erledigt hat und derer überdrüssig ist.

 

Am 07.08.10 wird Talissa in die Montessori-Schule (in Klasse 2) eingeschult. Seither erleben wir ein glückliches und freudestrahlendes Kind, welches gefordert wird. Montessori unterrichtet nicht frontal. Die Kinder arbeiten mit der Form der Freiarbeit. Dieses Konzept kommt Talissa sehr entgegen, da sie ihr Tempo und den Stoff somit selbst bestimmen kann. Entgegen kleiner Zweifel unsererseits findet sie sehr schnell neue Schulfreunde und auch der Kontakt mit ihren liebgewonnenen Freunden daheim bleibt bestehen. Als der Oktober und die Herbstferien nahen und unsere Tochter weinend nach Hause kommt, weil am Montag die Ferien beginnen und sie nicht zur Schule gehen kann, da wissen wir, Talissa ist angekommen und sie ist da, wo sie hingehört. Nach ersten Gesprächen mit den Lehrerinnen hat Talissa sich gut eingelebt. Montessori erteilt in der Grundschule keine Noten, sondern Kompetenzen. Zusätzlich werden Pensenbücher geführt. Den ersten Einblick in die Pensenbücher gibt es jetzt, Ende Januar, zum Schulhalbjahr. Ein Auszug zu Talissas Leistungen kann hier nachgelesen werden:

 

Kompetenzen

Talissas Geschichte, basierend auf Tagebuchaufzeichnungen ihrer Mutter, ist auch als Buch erschienen:
"Drei Nummern zu groß - Kinderjahre mit hypophysärem Kleinwuchs".

 

Familie P. aus Niedersachsen

05.02.2011


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