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Erfahrungsbericht 12
 
Jungen flüstern

Extremes Frühchen, aber eigentlich ist das wurscht ...

Mädchen, 28. SSW, Bayern, Gymnasium, geringe körperliche Belastbarkeit, Hochbegabung


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Vorgeschichte

Unsere Tochter wurde im November 1995 wg. HELLP-Syndrom in der 28. Schwangerschaftswoche mit 990 Gramm geboren. Wirklich ernsthafte Probleme gab es nicht. Eines der ersten Fotos zeigt ein Kind, das mit einem ungemein intensiven, eigentlich baby-untypischen Blick in seinem Inkubator liegt; ich habe immer gedacht, dass sie einfach keine Lust mehr auf noch drei Monate Bauch hatte.

 

Sie war die ganze Zeit eine Nummer kleiner als normal, ist lange etwa an der 3. Perzentile entlang gewachsen; inzwischen hat sie es wohl immerhin bis zur 10. geschafft. Motorisch hat sie sich deutlich langsamer entwickelt als die Altersgenossen, sie konnte gerade einmal mit einem Reifealter von anderthalb Jahren laufen, hat erst während der Grundschulzeit Fahrradfahren und Schwimmen noch ein Stück später gelernt und weist bis heute eine gewisse Ungelenkigkeit in den Bewegungen auf. Auch mit der Feinmotorik gab es Schwierigkeiten; während der Grundschulzeit hat sie einige Zeit Ergotherapie gemacht, weil sie den Stift ziemlich verkrampft gehalten hat und Probleme mit dem Schreiben hatte. Erst durch die Berichte der anderen Eltern von schon etwas älteren Frühchen bin ich jetzt auf die Idee gekommen, dass auch die relativ geringe körperliche Belastbarkeit vielleicht immer noch auf den Status als Extremfrühchen zurückzuführen sein könnte; sie kann Sport nicht ausstehen, und wir haben nie eine Sportart gefunden, die ihr zugesagt hätte, so dass sie körperlich ziemlich untrainiert ist - aber wer weiß schon, was da zuerst da war, die Henne oder das Ei? Hinzu kommt aber auch der Verdacht auf ein Schilddrüsenproblem, das ebenso die körperliche Belastbarkeit einschränken kann. Im Kindergartenalter fiel ein leichtes Schielen und Doppeltsehen auf, das durch eine Operation kurz vor Schuleintritt behoben wurde; sie sagt, sie kann bis heute doppelt sehen, wenn sie möchte, aber das Schielen ist weg.

 

Prägend durch die gesamte Kindheit hindurchgezogen hat sich die Diskrepanz zwischen dem Stand der körperlichen, sozialen und geistigen Entwicklung, die vor allem in der Kindergarten- und Grundschulzeit um die drei Jahre betragen haben mag. Teilweise lag das mit Sicherheit am Frühchenstatus, gerade im Hinblick auf die körperliche Entwicklung, aber zunehmend bedeutsamer wurde ihre Hochbegabung. Man wusste nie, mit welchem Teil vom Kind man es im nächsten Moment zu tun bekommen würde. Die Kindergeburtstage waren für uns Eltern jedes Mal ein Alptraum, weil sie garantiert damit geendet haben, dass sie wegen irgendwas beleidigt war. Und auf der anderen Seite kamen dann, im Kindergartenalter, Fragen wie: "Du, wenn die Null am einen Ende der Zahlen liegt, was ist dann am anderen Ende?", oder Szenen, bei denen eine vielleicht Fünfjährige mit dem "Spektrum der Wissenschaft" auf dem Bett sitzt und liest (der Artikel hatte mit Sicherheit mit Dinosauriern zu tun). Entsprechend ergab dann auch ein Intelligenztest, den wir kurz vor der Einschulung durchführen ließen, einen IQ von 130.

 

Grundschule

In der ersten Klasse fiel sie der Lehrerin sehr schnell auf, was dazu führte, dass sie nach den Herbstferien gleich in die zweite Klasse verfrachtet wurde. Intellektuell war das kein Problem, nur beim Schreiben waren die anderen natürlich schon viel weiter, und sie war eben deutlich kleiner als alle anderen. Dass die Grundschulzeit alles in allem keine glückliche und unser Kind dort sehr einsam war, lag letztlich daran, dass die anderen Kinder mit der Denkweise unserer Tochter nichts anfangen konnten und sie mit allen Ideen, die sie hatte, bei ihnen auf völliges Unverständnis gestoßen ist - etwa wenn sie behauptete, es wäre doch denkbar, dass diese Welt gar nicht die wirkliche Welt sei, sondern dass es dahinter noch eine, von Echsen bevölkerte Welt gäbe. Dass es im Laufe der Jahre immer häufiger dazu kam, dass ich vormittags angerufen wurde, das Kind hätte Kopfschmerzen und sollte bitte von der Schule abgeholt werden, habe ich lange Zeit darauf zurückgeführt und psychosomatisch interpretiert.

 

Gymnasium

Tatsächlich traten die Kopfschmerzen zunächst deutlich seltener auf, nachdem sie ins Gymnasium gekommen war, kamen aber bald wieder. Wenig später kam ich aufgrund eigener Erfahrungen auf die Idee, ihre Schilddrüsenfunktion testen zu lassen, und obwohl es bis heute keine wasserfeste Diagnose gibt, steht außer Zweifel, dass die seitherige Gabe von Schilddrüsenhormonen die Kopfschmerzen auf ein (akzeptables) Minimum reduziert hat. Dass die Schilddrüsenprobleme etwas mit dem Frühchenstatus zu tun haben, glaube ich eher nicht, weil sie eben bei mir ebenso vorliegen - denkbar wäre aber, dass die Frühgeburt durch meine damals noch unerkannte, aber vielleicht schon bestehende Hashimoto-Thyreoiditis ausgelöst wurde.

 

Durch die Unter- und Mittelstufe des Gymnasiums ist sie mit minimal möglichem Aufwand und Schnitten durchgekommen, die durchgängig zwischen 2,1 und 2,7 lagen und über die Jahre eher besser als schlechter wurden. Anstelle der Schule waren andere Dinge viel interessanter, wie etwa Videobearbeitung am Computer. Zeichnen, wo ich nach den anfänglichen Schwierigkeiten in der Feinmotorik nun überhaupt nicht mit einer Entwicklung gerechnet hatte, hat sie sich völlig aus eigenem Antrieb - angeregt durch die japanischen Manga - selbst beigebracht. Nebenbei lernt sie seit einem Dreivierteljahr Japanisch, weil sie eigentlich 2011/12 für ein Auslandsschuljahr nach Japan gehen wollte; nach Fukushima haben wir dann aber Richtung Kanada umdisponiert.

Daran, dass sie ein Frühchen war, denke ich inzwischen nur noch selten, denn in ihrem Fall war es tatsächlich so, dass sich fast alle Probleme im Laufe der Jahre ausgewachsen haben. Piepgeräusche ähnlich denen der Dräger-Monitore triggern bei mir immer noch leichte Alarmgefühle, und manchmal denke ich bei einem Kleinkind, das ich auf der Straße sehe, das könnte ein Frühchen gewesen sein. Unsere Tochter ist ein ehemaliges Extremfrühchen, ja, das auch, aber noch manches andere. Sie ist hochbegabt und ein bemerkenswerter Mensch. Sie ist kreativ, chaotisch, sensibel, lieber Beobachter als mittendrin, lieber am Computer als im Wald. Sie wird ihren Weg gehen. Wohin der geht, weiß noch niemand, aber es wird sicher ein interessanter werden.

 

Familie S., Bayern
31.07.2011


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